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I baroni d’acciaio

Die Stahlbarone

Kapitel 1

        “In dem Moment als weiße Metalltüren hinter Jack zuschlugen, wurde ihm bewusst, dass er zwei große Probleme hatte. Zum Ersten musste er für seine Frau eine Erklärung finden, warum er in einer dreckigen Klinik für Geschlechtskrankheiten eingesperrt war. Zweitens wollte Jack nicht seine Arbeit bei Windsor Porter & Gump verlieren. Er musste sich ein glaubhaftes Alibi ausdenken, so wie es Jack während seines Jurastudiums gelehrt worden war; eines, das gerade noch angemessene Zweifel an seinem wahren Zustand erwecken würde, ihn aber doch noch heil davonkommen lassen sollte.
        “Jack wandte sich der Tür zu und hämmerte, so fest er konnte, dagegen. „Das ist ein Missverständnis! Ich gehöre nicht hierher! Rufen Sie doch die amerikanische Botschaft an!“ Es gab keine Antwort.
        “„Sind Sie Amerikaner?“ Jack schaute über seine Schulter und sah einen gepflegten, spitzbäuchigen Mann in den Dreißigern. Ein sympathischer Kerl, der für diese unerwartete Gelegenheit seine Englischkenntnisse aufzufrischen, dankbar zu sein schien. „Und Sie gehören nicht hierher?“
        “„Das ist alles ein Missverständnis“, rief Jack heftig.
        “„Sie leiden nicht an Syphilis?“
        “„Oh Gott, nein!“
        “„Und Sie haben eine Frau?“ Der junge Mann zeigte mit dem Kopf auf den goldenen Ring an Jacks Finger.
        “„Julie. Sie heißt Julie. Verdammt, wie konnte ich nur so idiotisch sein?“
        “„Es ist nicht gerecht, oder? Dreißig Tage, nur für ein bisschen Bumsen?“
        “„Worüber reden Sie denn? Welche dreißig Tage?“
        “„Der Doktor hat Ihnen die Regeln nicht erklärt?“
        “„Sie sprach nicht einmal Englisch! Welche Regeln?“
        “„Jeder mit Syphilis muss dreißig Tage lang unter Quarantäne gestellt werden“, erklärte er, „um eine Verbreitung der Krankheit zu verhindern. Es ist ansteckend, müssen Sie wissen.“
        “„Aber ich habe keine Syphilis“, protestierte Jack heftig.
        “„Das hängt alles vom Doktor ab, der Sie gesehen hat. Falls vermutet wird, dass Sie Syphilis haben, dann werden Sie zweifellos für dreißig Tage hier festsitzen. Das ist die Regel. Außerdem, jetzt wo Sie sich diesem Ort ausgesetzt haben, gibt es absolut keine Chance mehr, dass Sie früher herausgelassen werden.“ Der Typ zuckte mit den Schultern und schlurfte zurück zu seinem Feldbett. Jack ging zu dem freien Bett daneben, sorgfältig jeden Augenkontakt mit den anderen Zimmer­genossen vermeidend.
        “„Übrigens, ich bin Sergei. Wie heißen Sie?“
        “„Jack, Jack Parker.“
        “„Willkommen in der Ukraine, Jack Parker.“
        “„Ich kann einfach nicht glauben, dass mir das passieren konnte“, murrte Jack. Verängstigt und durcheinander, konnte er sich kaum vom Weinen zurückhalten. Was wird Julie sagen, die ihren gewöhnlichen Weckanruf am Morgen erwartete, New York Ortszeit? Oder sein Chef, der ihn jede Nacht anrief, um vom Fortschritt seines Lieblingsprojektes unterrichtet zu werden? Was wird der Rechtsanwalt des Ministeriums darüber sagen, dass Jack morgen nicht zur Verabredung kommen wird? Er rieb sich die Stirn.
        “Er schaute um sich, um herauszufinden, wie er entkommen konnte. Der große, rechtwinklige Raum war mit zwei Reihen von Militärbetten und Nachttischen belegt, fünf auf jeder Seite. Dicke, quer über die Fenster geschweißte Metallstangen bestärkten den Eindruck, dass kein leichtes Entkommen möglich sein würde. Eine einsame Glühbirne hing von einem einzigen elektrischen Draht in der Mitte der Decke. Wie ein gigantisches Spinnennetz breiteten sich davon tiefe Risse in der Decke aus.
        “Acht Männer zählte Jack insgesamt, die alle Alters- und Einkommensgruppen repräsentierten. An ihren verlebten Gesichtszügen hatte er sofort drei offensichtliche Alkoholiker erkannt, die, verraten durch ihre klassisch schlaffen Augenlider, rotblauen, rübenähnlichen Nasen und tiefen Runzeln, ganz den New Yorker Saufbrüdern ähnelten. Zwei andere, auf ihren Betten in der Ecke sitzende Patienten, waren überraschend junge, harte Straßenkinder mit rasierten Köpfen und diesen kleinen, harten Erwachsenen­gesichtern. Der Rest waren gewöhnliche Männer mittleren Lebensalters, ausgezeichnet durch leicht grau meliertes Haar.
        “Diese Insassen mussten sich bereits seit geraumer Zeit hier befinden, mutmaßte Jack von ihrer Bekleidung ausgehend: alten, abgetragenen Trainingsanzügen, zerknitterten Bademänteln, weichen Pantoffeln; alles, was ein Mann üblicherweise zu Hause, in seinen eigenen vier Wänden, tragen würde. In starkem Kontrast dazu trug er immer noch sein weißes, leicht gestärktes Hemd, einen blauen Zegna Nadel­streifenanzug, vervollständigt von einer roten Seidenkrawatte und polierten Church Brogue-Schuhen. Das hier zu überleben ist einfach unmöglich, dachte Jack, müde Seitenblicke auf die anderen Patienten werfend.

Kapitel 2

        “Am nächsten Morgen war Jacks emotioneller Zustand gefestigt, er fühlte sich jedoch zutiefst unglücklich. Der gestrige Albtraum wurde von dem Moment an fortgesetzt, in dem er seine Augen aufschlug. Die staubige, an ihrem einsamen Draht von der Deckenmitte hängende Glühbirne, erinnerte Jack daran, dass er immer noch im Gefängnis war. Mithilfe seiner Ellenbogen stützte sich Jack gerade auf seinem Polster auf, als zwei große männliche Krankenpfleger in weißen Arbeitskleidern und Gesichtsmasken damit begannen, einem älteren Alkoholiker, nahe der Tür, seine tägliche Dosis Medizin zu spritzen.
        “„Fangen Sie ja nicht an, sich zu wehren“, schlug Sergei beruhigend vor, „denn dann werden sie Sie auf ihrer Spritze aufspießen, diese Sadisten.“
        “„Antibiotika, stimmt das?“ stellte Jack fest.
        “„Ganz stark verdünnt, soweit ich diese Affen kenne, aber hoffentlich ja.“
        “ Eine halbe Stunde nach der Verabreichung der Spritzen wurde von einer jungen, weiß maskierten Krankenschwester die Tür geöffnet, und ein stählerner Servierwagen, ausgestattet mit gestaffelten Servierbrettern, rollte anscheinend von selber herein; das Mädchen getraute sich nicht, das verseuchte Krankenzimmer zu betreten. Sie verschloss die Türe sofort wieder und ließ die Patienten sich selbst bedienen. Sergei ging zum Servierwagen, nahm zwei Aluminium-Tabletts, und gab Jack eins davon. „Das ist, was Sie zu essen bekommen“, sagte er.
        “Jack starrte für eine Weile auf die gelbliche Masse und versuchte herauszufinden, was es sein könnte. „Es sieht aus wie Mus“, befand er schließlich.
        “„Es sollte eigentlich Haferbrei sein.“ Sergei stocherte mit seinem Löffel im Brei herum.
        “„So etwas habe ich noch nie gesehen – wird das jeden Morgen serviert?“
        “„Die gleiche Scheiße, aber von verschiedener Konsistenz. Es hängt vom Koch ab. Manchmal stiehlt er mehr, dann bekommen wir verdünnte Scheiße. Dann wieder stiehlt er weniger, so wie heute, und wir erhalten etwas dickeren Papp.“
        “„Tatsächlich“, Jack kostete vorsichtig. Die klumpige Substanz klebte an seinem Gaumen wie Kleister.
        “Sich mit dem gleichen Problem herumkämpfend, zeigte Sergei auf eine lauwarme, sandfarbene Flüssigkeit. „Trinken Sie Tee“, meinte er, „ansonsten wird diese Scheiße Ihre Eingeweide zusammenkleben.“
        “„Danke.“ Sergei hatte Recht. Der Tee neutralisierte den Teig und erlaubte Jack, das Frühstück in winzigen Portionen zu schlucken. „Nun, erzählen Sie mir, wieso sprechen Sie so gut Englisch?“
        “„Nicht nur Englisch, auch Polnisch, Deutsch und sogar etwas Ungarisch. Nennen Sie irgendein osteuropäisches Land das einen Schwarzmarkt hat und ich spreche dessen Sprache.“
        “„Wie sagen Sie für: Lasst mich hier raus?“ Jack begutachtete die dicken Stahlstäbe an den Fenstern.
        “„Es hat keinen Zweck“, gähnte Sergei. „Ich habe alles versucht mit ihnen – und darf noch nicht einmal telefonieren.“
        “„Scheiße.“ Jack war zornig mit sich selber, starr vor Schrecken, dass Julie von seinem kleinen schmutzigen Geheimnis erfahren könnte. Zugleich war er von absoluter Hilflosigkeit erfasst, als sich seine Welt aller Kontrolle entzog.
        “Genau um drei Uhr Nachmittag erschien die gleiche junge Krankenschwester in der Tür, mit ihrer kleinen weißen Maske. Vorsichtig zog sie den Servierwagen vom Morgen aus dem Zimmer und ersetzte ihn mit einem anderen. Dieses Mal stand Jack auf, holte zwei der Tabletts und gab Sergei eines.
„Wir werden verwöhnt.“ Sergeis Sarkasmus war angebracht: Auf seinem Teller war ein dünner Streifen gräulichen Fleisches, von der Dicke einer Scheibe Speck, einige Löffel dunkler Körner, die wie Buchweizen aussahen, und eine Scheibe altbackenen braunen Brotes.
        “Das verkochte graue Fleisch sah aus wie Gummi, schmeckte unerträglich langweilig, und war trotz seiner Durchsichtigkeit unmöglich zu kauen. Die trockenen Buchweizenkörner kratzten in Jacks Kehle wie industrielles Schmirgelpapier. Instinktiv reichte Jack nach einem halbgefüllten Glas mit seltsamer, beinahe süßlich riechender, rosafarbener Flüssigkeit und einem mysteriösen Bodensatz. Unschlüssig sah er Sergei an und erwartete eine Erklärung.
        “„Das müsste Kompott sein“, rätselte Sergei. Er hielt sein Glas gegen das Licht. „Entweder ist es das oder Rost. Manchmal vergisst der Koch auch das Wasser zu filtern. Wissen Sie, Rost kommt von den Wasserrohren.“
        “„Das ist mir gleich“, behauptete Jack, und spülte sein Essen hinunter. Um Sergeis Verdacht zu bestätigen, entlarvte sich schließlich das rostige Kompott als pfirsicharomatisiertes Wasser, mit einem leichten Hauch von metallartigem Nachgeschmack. Jack schaute durch die Metallstäbe am Fenster und konnte Leute auf der Straße sehen, die darauf warteten, von der Straßenbahn nach Hause gebracht zu werden. Noch neunundzwanzig Tage in dieser Hölle, dachte er, und was dann?
        “Um genau neun Uhr ging das lästige Deckenlicht aus und signalisierte damit das Ende von Jacks erstem vollem Tag in Gefangenschaft. Bald darauf begannen die Alkoholiker, in kurzen, sporadischen Ausbrüchen, laut und gewaltig zu schnarchen. Die nächste Klangstufe war ein weitaus sanfteres Keuchen der Männer mittleren Alters, gefolgt von dem stetigen schweren Atmen der Straßenkinder. Jack war der Letzte der einschlief, inmitten einer Symphonie der Syphilitiker.

Kapitel 3

        “Nur eine Woche zuvor war Jack Parker in einem sonnigen Eckbüro, im Zentrum von Manhattan, gesessen. Vom vierundsechzigsten Stockwerk aus betrachtete er die Stadtsilhouette, vorbei am lächelnden Gesicht seines Chefs, Mr. Gerald Windsor III. Der Morgen war besonders schön, da Jack zu hören erwartete, dass er von einem leitenden Kompagnon zum Juniorpartner befördert worden war. Die Partner Windsor Porter & Gump waren gerade von ihrem alljährlichen Augustausflug zu den Hamptons zurückgekehrt, wo sie die Bewertungen aller Kompagnons verglichen hatten. Es war der perfekte Zeitpunkt.
        “Die siebenjährigen ausgezeichneten Leistungen, die Jack bei Windsor Porter & Gump vorzuweisen hatte, schrien direkt danach, dass er Partnerschaftsmaterial wäre. Er war der Firma direkt nach Seton Hall beigetreten und hatte wie ein Verrückter für Gerald gearbeitet, war am Ende auch zu seiner rechten Hand aufgerückt. Jack hatte eine Arbeitswoche, in der durchschnittlich fünfundsechzig Arbeitsstunden verrechnet wurden, wobei nur zwei kurze Urlaubsperioden anfielen – und so glaubte er, dass eine Partnerschaft schon lange überfällig war. Seine Vorfreude auf diese gute Nachricht bewirkte ein Gefühl, als hätte er mehrere Tassen Espresso getrunken. Julie hatte sich vielmals bitterlich beschwert, dass er seine Karriere ihrer Ehe vorziehen würde, dass er sie selber als selbstverständlich ansehe. Nun würden sich seine Anstrengungen endlich bezahlt machen.
„Ich bekam gestern einen Anruf von GPK Telecommunications, unserem Klienten“, sagte Gerald.
        “Jacks Zuversicht stieg. Das war der größte Klient dieser Firma, der soweit immer mit seiner Arbeit zufrieden gewesen war – das war ein ausgezeichneter Anfang. „Tolle Leute“, lächelte Jack bescheiden.
        “„Es gibt da anscheinend eine Art Regierungsausschreibung für eine Installation von Faseroptikkabeln, die GPK gerne gewinnen möchte. Sie brauchen einen guten Firmenanwalt, der die Verhandlungen führt und einen Vertragsabschluss erreicht – sie haben speziell nach Ihnen gefragt.“
        “„Ich fühle mich geschmeichelt.“
        “„Das sollten Sie auch. Nehmen Sie sich einige Tage, um die Unterlagen durchzusehen, und seien Sie dann am Samstag zur Abreise bereit. Am Sonntag, Ortszeit, werden Sie dann dort ankommen.“
        “Da Jacks Gedanken bei seiner bevorstehenden Beförderung waren, die Gerald noch gar nicht erwähnt hatte, brauchte er einige Sekunden, um sich klar zu werden, dass Gerald ihn auf eine lange Reise schicken wollte. „Wohin genau, schicken Sie mich, Gerald?“
        “„In die Ukraine“, sagte Gerald ohne zu lächeln.
„Sie machen Spaß!“ Die Besorgnis in Jacks Stimme war echt. Er wusste, dass Julie deswegen wieder einen Skandal verursachen würde. „Zuerst muss ich darüber mit meiner Frau sprechen, ansonsten könnte es Schwierigkeiten geben.“
        “„Hören Sie zu, Jack, das ist ein sehr wichtiger Auftrag für unseren Klienten.“ Gerald pausierte und fuhr dann fort: „Was ich jetzt sage ist vertraulich, es wird also nicht diesen Raum verlassen, versprechen Sie mir das?“
        “„Gewiss, Gerald.“
        “„Ich besitze einige Aktien in GPK und dieser Kontrakt könnte sehr, sehr lukrativ sein. Falls Sie diesen Vertrag positiv abschließen können, werde ich den Führungsausschuss anweisen, Sie zu einem Partner zu machen.“
        “Da war es also. Eine letzte Hürde, die es zu überwinden galt. „Kann ich das auch schriftlich haben?“, fragte Jack halb im Scherz.
        “„Ihr Rechtsanwälte seid alle gleich!“ Gerald nahm sich eine Zigarre, eine echte kubanische Cohiba. „Bringen Sie mir den unterschriebenen Kontrakt und ich werde alles Übrige hier erledigen.“
        “„Danke, Gerald, das genügt mir vollkommen.“
        “„Schauen Sie sich noch diese Unterlagen an – und ich wünsche Ihnen einen guten Flug.“ Gerald schob Jack zwei dicke Ordnungsmappen zu, die auf einer Ecke seines Schreibtisches gelegen hatten. „Und schöne Grüße an Ihre Frau.“

* * *

        “Die letzte Person, die aus dem Zoll im Flughafen von Borispol, Kiew, herauskam, war Jack. Er sah Leute, die Schilder in einer seltsamen, fremden Sprache hochhielten. Einer der Männer im Wartesaal hielt ein Stück Pappe, auf dem JACK PARKER geschrieben stand. Er war ungefähr vierzig, hatte einen dicken, schwarzen Schnurrbart, und war mit einem einfachen, braunen Anzug bekleidet. Jack zeigte auf sein Schild und sagte, „das bin ich.“
        “„Schön Sie zu treffen, Herr Jack“, antwortete der Mann in akzeptablem Englisch. „Ich bin Igor, Ihr Fahrer. Soll ich Sie ins Hotel bringen oder direkt ins Ministerium?“
        “„Ins Hotel“, antwortete Jack ohne zu zögern – er war seit über neun Stunden im Flugzeug gesessen. „Es war ein langer Flug.“
        “Igor nickte zustimmend. „Ich verstehe, Herr Jack. Bitte geben Sie mir Ihr Gepäck and folgen Sie mir.“
        “An einem wunderbaren frühen Herbstnachmittag marschierten sie aus dem Flughafen. Die helle Sonne stand in Kontrast zum tiefblauen Himmel, die Bäume raschelten ihre gelblichen Blätter in einer linden Brise. Es war eine reine Freude, die frische Luft zu atmen.
        “Nach Jacks Uhr dauerte die Fahrt ungefähr vierzig Minuten und er war die meiste Zeit davon eingenickt. Er wachte gerade auf, als Igor an einem hohen Glas- und Betonbau vorfuhr, über dessen Eingang „Hotel Intourist“ in goldenen Buchstaben prangte. Da Igor ein wirklich guter Fahrer war, half er Jack aus der schwarzen Wolga Limousine des Ministeriums, lud ihn auf der ausgemergelten Ledercouch in der Hotellobby ab, und erledigte darauf den ganzen Anmeldekram. „Brauchen Sie sonst noch irgendetwas?“, erkundigte sich der Fahrer rücksichtsvoll.
        “„Nein, danke, Igor. Wann treffen wir uns morgen?“
        “„Ist neun Uhr in Ordnung?“
        “„Neun ist ausgezeichnet.“
        “Während er noch im Hotelfahrstuhl war, konnte es Jack kaum erwarten, sich auf einem Riesenbett auszustrecken und vor dem Einschlafen vielleicht noch ein bisschen CNN zu schauen. Die Wirklichkeit sah aber ganz anders aus: Sein bescheidenes Zimmer war mit einem schmalen Bett ausgestattet, das direkt an einer Wand stand, und einem kleinen Fernseher aus den 1970ern. Das Bett war kaum breit genug für einen Erwachsenen und der Fernseher war kaputt.
        “Aber der Mangel an Annehmlichkeiten spielte keine große Rolle; müde warf sich Jack aufs Bett and schloss seine Augen. Aus unerfindlichen Gründen aber konnte er sich nicht entspannen. Sein Herz pochte voller Aufregung, war er doch in einem fremden, früheren kommunistischen Land, kurz davor, sich seine lang ersehnten Partnerschaftsrechte zu verdienen. Er hörte, wie am Ende des Ganges jemand die Wasserspülung betätigte. Bei einer derartigen Akustik brauchte Jack einige Drinks, um ihm beim Einschlafen zu helfen.
        “Es stellte sich heraus, dass sich die Intourist Hotelbar im Untergeschoss befand. Kerzen flackerten romantisch auf den Nischentischen, die sich die Wände entlang hinzogen. Um ein Maximum an Intimität zu garantieren, waren die Nischen durch hohe, mit Leder überzogene Trennwände abgegrenzt. Die einzige elektrische Lichtquelle waren Halogenlampen, die vier Reihen von Flaschen auf den Glasregalen hinter der Bar beleuchteten. Jack näherte sich dem Barkeeper, einem pummeligen Mann Anfang vierzig, der auf einem Hocker sitzend eine Zeitung las.
        “„Einen Gin Tonic, bitte“, bestellte Jack.
        “„Kein Tonic“, antwortete der Barkeeper in stark akzentuiertem Englisch, „nur Seven-Up.“
        “„OK, das passt auch.“
        “Der Barkeeper schüttete viel mehr Gin in Jacks Glas, als es je ein Barkeeper in Manhattan tun würde. „Woher kommen Sie?“, fragte er.
„Von New York.“ Jack war froh, einen Gesprächspartner zu haben, aber der Barkeeper nahm wieder seine Zeitung und fuhr fort zu lesen.
        “Während er den ungewöhnlich starken Cocktail schlürfte, vergaß er die Gegenwart und sah mit geschlossenen Augen sein Büro, dann den Gang, der zum Fahrstuhl führte, dann das JFK-Flughafengebäude. Dann fragte ihn eine melodische Stimme leise, „mozhno s vami pogovorit?“. Sofort öffnete Jack seine Augen und sah ein sehr attraktives, blondes, blauäugiges Mädchen direkt neben ihm stehen. Sie war ein wenig kleiner als Jack, mit einem zierlichen, dreieckigen Gesicht und schulterlangem Haar.
        “ Aus den Augenwinkeln sah er ihre kleinen kecken Brüste hervorstehen, und Jack wurde steif vor Verlegenheit, als er gewahr wurde, dass sie das Ziel seiner Blicke bemerkt hatte. Aber sie lächelte zurück und vergab ihm den kleinen Verstoß gegen die gesellschaftliche Etikette. Die emanzipierten Frauen von New York City hätten sich niemals damit zufriedengegeben, dachte Jack, ohne irgendeine Abfuhr als Vergeltung auszuhecken.
        “Der Kopf des Mädchens war kokett auf eine Seite geneigt. „Darf ich mit Ihnen sprechen?“, wiederholte sie, diesmal in Englisch.
        “Als er so dasaß, unrasiert und erschöpft von dem langen Flug, wurde Jack klar, dass er nach Gin stinken musste. Sogar zu der Zeit, als Jack noch ein Single war, bevor seiner Heirat mit Julie, fanden ihn Mädchen nie „heiß“, da er ein ganz gewöhnlicher Rechtsanwalt war, ein Meter siebzig groß, mit braunem Haar und Lennon Brille – ganz gewiss kein adonisches Muskelpaket wie es allen jungen, attraktiven Frauen vorschwebte. Und so fühlte er sich besonders geschmeichelt, in Berücksichtigung seines Aussehens, dass dieses hübsche ukrainische Mädchen sich mit ihm unterhalten wollte.
        “„Bitte setzen Sie sich“, bot Jack an. Als sie sich auf einen Barhocker neben ihm setzte, streifte sie versehentlich sein Bein. Jack gelang es, nicht auf die tief ausgeschnittene Bluse zu schauen, die ihre Brustwarzen genau aufzeigte, bevor sie ihn wieder dabei erwischte. Ihr Anblick brachte seinen erregten Puls zum Rasen, obgleich er wusste, dass nichts Sexuelles zwischen ihnen vorkommen könnte. Es war einfach nicht möglich, dass er an seinem ersten Rendezvous so erfolgreich sein würde; in seinem ganzen vorigen Leben war das Jack noch nie passiert. Außerdem war er natürlich mit Julie verheiratet, die ihm nie verzeihen würde.
        “ Der liebliche blonde Engel zeigte auf die Ecknische, in der schon zwei andere junge Damen saßen, und sagte: „Meine Freundinnen möchten Sie zu uns einladen – Sie mitkommen?“ Neckisch schauten beide Mädchen zu ihnen her und eine von ihnen winkte mit der Hand, aber Jack hatte ein wichtiges Geschäftstreffen in der Früh. Ein kurzes, unverbindliches Gespräch mit dem blonden Mädchen war alles, was Jack wirklich wollte, bevor er für diese Nacht Schluss machte.
        “„Nein, danke. Ich bin gerade von New York gekommen und bin müde.“ Aus unerfindlichen Gründen, und weil er doch mit einem hübschen Mädchen in einer fremden Bar war, fühlte sich Jack mit jedem Schluck seines Drinks zunehmend weltmännischer und internationaler.
        “„Wie interessant. Kaufen Sie mir ein Drink? Meinen Freundinnen auch?“
        “Jack lächelte zurück. „Nur Ihnen.“
„Cognac, Mischa“, sagte das Mädchen auf eine vertraute Art zum Barkeeper. „Dva stakana po sto.“ Der langte nach der teuersten, elegantesten Flasche auf dem obersten Regal, aber Jack war das egal – er war auf Geschäftsreise und sein Klient bezahlte alle Spesen. Der Barkeeper goss zwei Riesenportionen teefarbener Flüssigkeit in die Cognacgläser und stellte sie auf die Theke.
        “„Warum denn zwei?“, fragte Jack.
        “„Für Sie.“ Sie bot ihm eines der Gläser an.
        “„Aber ich trinke Gin“, protestierte er, „das ist mir wirklich zu viel.“
        “„Nicht zu viel“, das blonde Mädchen lächelte, „nicht für richtigen Mann. Sogar für Frau nicht zu viel. Nazdarovje!“ Darauf stürzte sie ihren ganzen Cognac in einigen langen Zügen hinunter und atmete scharf aus. Selbstverständlich tat Jack das Gleiche, andererseits wäre er ja in ihren Augen kein Mann gewesen. Erstaunlicherweise musste er sich nicht einmal übergeben.
        “Einige Minuten später machte sich schon der Alkohol bei Jack bemerkbar. Ganz eindeutig: Dieses Mädchen war absolut hinreißend. Ihre Augen gossen indes immer mehr Öl ins Feuer. Ich könnte dich fressen, sagten sie; er hörte es ganz laut, obwohl sie keinen einzigen Ton gesagt hatte. Die Art, wie dieses Mädchen Jack ganz offen abschätzte, wie sie ihren Mund schürzte, sandte einen Schauer Jacks Rücken entlang – es war unbestreitbar, sie strahlte köstliche, lustvolle Elektrizität aus.
        “He, dachte Jack, vielleicht war das gar kein bloßer Flirt? Vielleicht gäbe es bei ihr heute Nacht eine wirkliche Chance? Ein letzter verstohlener Blick auf ihren straffen Körper und die schlanken Tänzerbeine gaben ihm den Rest. Sie weiß nicht einmal, wie schön sie ist, dachte er. Ihre festen, wohlgeformten Brüste sahen aus wie zwei Tennisbälle; die Hüfte war ganz schmal, vollkommen proportioniert im Verhältnis zu ihrem restlichen Körper. Das ist meine eine und einzige Gelegenheit, schwor sich Jack. Außerdem würde Julie es nie erfahren, er tat doch niemandem weh?
        “ Das aufreizende ukrainische Kätzchen spürte irgendwie seine vorübergehende Schwäche. Den Augenblick nutzend, lächelte sie ihn an und hob verführerisch eine ihrer Augenbrauen, wie um zu fragen: Tun wir jetzt eigentlich irgendwas oder nicht? Das war der Moment, wo Jack tief einatmete und ihre delikate Hand in die seine nahm, genau so, wie es Schauspieler in dummen, romantischen Filmen tun. Ohne ein weiteres Wort zu wechseln, spazierten sie aus der Intourist Bar, obwohl es Jack schon schwer fiel, sein Gleichgewicht zu behalten. Es war geschmacklos und schön zur gleichen Zeit.

Kapitel 4

        “ Die erste Konsequenz von Jacks Zwischenspiel mit der sagenhaften Blondine wurde bereits am nächsten Morgen offensichtlich, als er sich anzog. Die Brieftasche fehlte – er hatte sie eher leichtsinnig in der Innentasche seines Jacketts gelassen. Diese Entdeckung verursachte einen etwas unappetitlichen Geschmack in Jacks Mund, bewies es doch, was er die ganze Zeit schon befürchtet hatte: Das wunderbare Mädchen war nur hinter seinem Geld her, und nicht an seinem tollen Aussehen gestrauchelt. Seine tolle Erinnerung an wilden, erotischen Sex verpuffte ins Nichts.
        “Dieser unglückliche Wechsel in seinem Schicksal bedeutete, dass Jack für die Dauer seiner Verhandlungen weder Bargeld noch Kreditkarten hatte. Er blieb jedoch gelassen, beruhigt durch sein Wissen, dass weder Gerald noch Julie je erraten würden, unter welchen Umständen seine Geldtasche verschwunden war. Er konnte leicht erklären, dass Geldtaschen die ganze Zeit gestohlen werden. Er würde Julie veranlassen, alle seine Plastikkarten zu kündigen und ihm innerhalb von Stunden eine Notstandsgeldüberweisung zu schicken. Bis Jack im Ministerium für Telekommunikation angekommen war, war er zuversichtlich, dass seine kleine Indiskretion ein Geheimnis bleiben würde.
        “Die zweite Überraschung tauchte einige Tage später auf, als Jack ein unangenehmes, brennendes Gefühl verspürte, gerade am Ende einer weiteren Verhandlungsrunde. Auf der Rückfahrt ins Hotel, als er zuckend auf dem Rücksitz von Igors schwarzem Wolga saß, befiel ihn ein schrecklicher Gedanke: was wäre, wenn ihn die attraktive blonde Schlange mit einer unfreundlichen Krankheit angesteckt hätte? Dann brach ihm der Angstschweiß aus.
        “Die verflixten Verhandlungen konnten nun jeden Tag zu Ende sein, dachte Jack besorgt, jedoch Antibiotika brauchen Zeit und Geduld. Bald aber wurde es unangenehme Gewissheit: Was er brauchte, war eine Dosis hochleistungsfähiger Allzweckantibiotika – und umso eher desto besser. Sogar wenn Jack verschiedene Geschlechtskrankheiten hätte, die moderne Medizin würde wohl wirken, bevor er Julie anstecken konnte.
        “„He, Igor“, fragte Jack unschuldig, „können Sie mir mit etwas sehr Vertraulichem helfen?“
        “„Natürlich, Herr Jack“, antwortete der Fahrer bereitwillig, „für Geld tue ich alles.“
        “„Wissen Sie eine Klinik in Kiew?“
        “„Für was?“
        “„Für Männerprobleme – verstehen Sie? Männerprobleme.“ Wegen des schmerzerfüllten Ausdrucks auf Jacks Gesicht und der verzweifelten Eindringlichkeit seiner Stimme, verstand Igor sofort sein Dilemma. Unvermittelt drehte er das Lenkrad scharf nach links und wich von ihrem üblichen Kurs ab.
        “„Haben Sie keine Angst, ich kenne einen zuverlässigen Arzt.“ Igor schaute in seinen Rückspiegel und fuhr fort, „er behandelt alle meine Freunde, und manche von ihnen sind immer noch verheiratet.“
        “Dieser Verlauf der Dinge war eine große Erleichterung. „Danke, Igor. Es ist sehr wichtig, dass niemand davon erfährt.“
„Vertrauen Sie mir“, antwortete Igor beruhigend, „ich weiß genau, wie Sie sich fühlen.“
        “Jede Unebenheit auf der schlecht asphaltierten Straße verursachte in Jacks tiefstem Inneren eine große Unruhe – ein Beweis, dass seine einzige romantische Nacht in Kiew sich in ein jämmerliches Durcheinander aufgelöst hatte. Inzwischen konnte Jack eindeutig die Stiche und Pfeile des schweigsamen Feindes spüren, der seine Harnröhre entlang kroch.
        “Endlich parkte Igor seine Limousine vor einem schmuddeligen, grauen Gebäude in Podol, dem unteren Teil von Kiew. „Wir sind zu Hause“, sagte er scherzhaft, „das ist die Poliklinik Nummer sieben.“ Als Jack in die dunkle Eingangshalle trat, bemerkte er, dass diese Klinik ganz anders aussah als jede andere, die er zuvor gesehen hatte. Die Farbe an den Mauern des langen Korridors war rissig und blätterte an zahllosen Stellen ab. Der Wand entlang stand eine schmale Holzbank, auf der drei Männer und eine Frau saßen, deren linkes Auge blau geschlagen war.
        “„Warten Sie hier.“ Igor zeigte zur Holzbank und verschwand in den Tiefen des Korridors. Die Leute, die auf der Bank saßen, starrten Jack an – und mit gutem Grund. Im Kontrast zu deren schmierigen Schichten von Straßenkleidung, trug er immer noch seinen westlichen Geschäftsanzug. Zuerst wurde er verlegen, dann aber dachte er, was kümmert es mich, was sie denken? Es wird nicht mehr lange dauern und Igor bringt mir Antibiotika, und dann sehe ich sie in meinem ganzen Leben nie wieder. Wenige Minuten später erschien Igor – und schüttelte frustriert seinen Kopf.
        “„Was ist denn passiert?“ Jack erwartete die schlimmstmögliche Nachricht zu hören: Es gibt keine Antibiotika für Ausländer mit Tripper.
        “„Der Arzt wird Sie in einigen Minuten sehen. Ich habe eine spezielle Vereinbarung getroffen, damit Sie nicht in der Warteschlange warten müssen“, sagte er ernst.
        “„Oh, Gott sei Dank! Und ich dachte…“
        “„Das Problem ist, dass ich diese Ärztin nicht persönlich kenne. Sie ist neu hier.“
        “„Das ist schon gut so“, Jack strahlte vor Erleichterung, „solange sie mich sehen wird.“
        “„Ich könnte einige Anrufe machen um herauszufinden, ob ich Ihnen einen anderen Doktor besorgen kann, aber es wird eine Weile brauchen…“
        “„Nein, das ist nicht notwendig“, beharrte Jack, währenddessen er sich zwischen seinen Beinen kratzte, „ich möchte das Ganze hinter mich bringen.“
        “„Wie Sie wünschen.“ Igor zuckte seine Schultern. „Bitte folgen Sie mir.“
        “Die Ärztin war eine müde Frau, schon lange über ihrem besten Alter. Ihr fettiges, gelbes Haar war in einen straffen Kranz gewickelt und der große, braune Leberfleck auf ihrem Kinn ließ drei auffällige schwarze Haare keimen. Sie saß in ihrem weißen Mantel Jack gegenüber und sagte, die Stirn runzelnd, „snimite waschi schtani“ – dann zeigte sie auf seinen Reißverschluss. Von dem angeekelten Blick auf dem Gesicht der Ärztin konnte Jack ablesen, dass sie sicherlich keine Genitalien mehr sehen wollte – überhaupt nie mehr.
        “„Sie sagte, dass Sie Ihre…”, hatte Igor angefangen zu übersetzen, aber Jack unterbrach ihn bevor er den Satz fertig sprechen konnte.
        “„Können Sie, bitte, draußen auf mich warten?“
        “„Sind Sie sicher, dass Sie mich hier nicht brauchen? Zum Übersetzen?“
        “„Ich glaube, die Frau Doktor kann von selber herausfinden was mir fehlt“, antwortete Jack mit strenger Miene – es war ihm peinlich, seine Geschlechtsteile in Gegenwart eines anderen Mannes zu zeigen.
        “„Wie Sie wünschen“, sagte Igor. Nachdem er sich überzeugt hatte, dass die Türe geschlossen war, machte Jack langsam seinen Reißverschluss auf und ließ die Hose bis zu seinen Knöcheln herunter.
        “„Trusi!“,bellte ihn die Ärztin mit einem direkten Befehl an, und zeigte dabei ungeduldig auf seine Unterwäsche. Darauf zog Jack seine Unterhose etwas tiefer, gerade bis über die Knie, dabei seinen angeschlagenen und zusammengeschrumpften Stummel vollständig entblößend. Er war nackt von der Hüfte abwärts, trug aber immer noch ein mittelmäßig gestärktes weißes Hemd, Jacke und Krawatte und dachte, dass dies extrem würdelos war – aber Recht geschieht mir, weil ich Julie betrogen habe.
        “„Waschi dokumenti, pozhalusta.“ Die Ärztin betrachtete Jacks Hochzeitsring und lächelte höhnisch. Als Frau sympathisierte sie mit allen Ehefrauen, deren Männer in heiße, außereheliche Affären verwickelt waren. Als Medizinerin für Geschlechtskrankheiten bestrafte sie eigensinnige Ehemänner und untreue Lebensgefährten immer, ohne Rücksicht darauf, ob der Patient tatsächlich krank war oder nicht. Der bloße Verdacht einer venerischen Krankheit genügte und sie schloss sofort auf den Schlimmstfall, Syphilis, und ergriff vorbeugende Maßnahmen.
        “„Was?“
        “„Reisepass, pozhalusta“, wiederholte sie.
        “ „Oh, ich verstehe.“ Jack griff nach seinem Pass. Um die nervliche Anspannung zu verringern, versuchte es Jack mit einem alten, abgegriffenen Witz: „Nun, was glauben Sie, Frau Doktor – werde ich am Leben bleiben?“ Der Ärztin entkam nicht die Spur eines Lächelns. Stattdessen betrachtete sie sorgfältig Jacks Reisepassfoto und verglich es mit seiner verzweifelten Visage – dann griff sie zum Telefon. Aufgrund der Verständigungsschwierigkeiten glaubte Jack, dass sie einen Dolmetscher anrufen wollte.
        “„Ein Moment!“ Die Doktorin sprach zwar in Französisch zu Jack – aber zumindest versuchte sie, sich zu verständigen. Er lächelte zurück und zog die Hose wieder hoch, ermuntert bei der positiven Veränderung in ihrer Haltung. Einige Minuten später betraten zwei Männer in weißen Overalls das Sprechzimmer. Sie packten Jack unhöflich bei den Armen und zerrten ihn nach draußen.
        “ „Lassen Sie mich gehen!“, schrie Jack, „ich bin ein amerikanischer Staatsbürger!“ Die zwei Schlägertypen machten sich überhaupt nichts daraus. Sie schleppten Jack im Handumdrehen bei den wartenden Leuten auf der Holzbank vorbei, auf weiße Doppeltüren am Ende des schwachbeleuchteten Korridors zu. Wie durch ein Wunder konnte Jack noch einen Blick auf Igor werfen, der gerade von seiner Zigarettenpause in den Gang zurückgeschlendert kam. In einer allerletzten Bemühung von diesem Irrenhaus zu entkommen, schrie Jack, so laut er nur konnte, „Igor, helfen Sie mir doch, verdammt noch einmal!“.
        “Jacks verängstigte Stimme widerhallte im Gang. Als Antwort hob Igor hilflos seine Hände in die Luft, wie um zu sagen, was kann ich denn jetzt noch tun?
        “„Das ist ein Missverständnis!“, waren Jacks letzte Worte zu Igor, bevor die schweren, weißen Türen hinter ihm ins Schloss fielen.